Die Macht der Pharma-Industrie

Pharma

Im Allgemeinen kann man ja denken, dass die Ärzte aufgrund ihrer Ausbildung recht frei sind in der Wahl der Mittel, die sie ihren Patienten verschreiben, doch ist dies eine Theorie, die bei genauer Betrachtung nicht haltbar ist.

Als erstes sollte man einmal die Frage stellen, wie es denn zu Fortschritten in der Medizin kommt, denn das diese sich immer weiterentwickelt, daran besteht ja wohl kein Zweifel.

Natürlich geschieht Entwicklung wie in den anderen Naturwissenschaften durch Forschung. Und diese Forschung wird natürlich von den Pharma-Unternehmen durchgeführt, die neue Produkte entwickeln, um Krankheiten besser behandeln zu können. Dass es wie bei jedem Wirtschaftsbetrieb aber auch darum geht, möglichst hohe Gewinne zu erzielen, kann man als selbstverständlich annehmen.

Was zahlen denn nun die Pharmaunternehmen an Ärzte? Nun, laut einer Veröffentlichung von Correctiv, einem Rechnernetzwerk der Freiwilligen Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie wurden im Jahre 2017 ca. 605 Millionen Euro an verschiedene Ärzte gezahlt. Dies teilt sich auf in 398 Millionen Euro für Forschung und Entwicklung zur Durchführung von klinischen Studien und Anwendungsbeobachtungen, 105 Millionen an Personen für Fortbildungen und Vortragshonorare sowie 102 Millionen Euro an Institutionen für die Unterstützung von Veranstaltungen, Spenden und Stiftungen. Hierzu muss allerdings gesagt werden, dass diesem Netzwerk nur 75 % der Pharmaunternehmen angehören und weniger als 20 % der Ärzte sind mit der Veröffentlichung der Zahlungen einverstanden, die an sie geflossen sind.

Wie kommt es denn nun dazu, dass es ein neues Medikament oder Verfahren entwickelt wird, unabhängig davon, ob die zugrundeliegende Krankheit bekannt ist oder neu entdeckt wurde.

Auf jeden Fall werden die Forschungsabteilungen der Firmen hingehen, um Mittel und Wege zu finden, die sie dem Arzt zur Behandlung an die Hand geben können. Nachdem ein Mittel oder Verfahren gefunden wurde, finden klinische Tests statt, in denen das Mittel eingesetzt wird und die Wirkung genau beobachtet wird. Das Verfahren ist meist recht umfangreich und komplex, so dass die Firmen erst einmal gut investieren müssen, bis das Mittel dann zugelassen wird. Diese Entwicklungskosten möchte man natürlich auch wieder hereinholen und so sieht man zu, dass dieses Mittel auch oft genug verschrieben wird.

Idealerweise tauchen die neu entwickelten Mittel und Verfahren dann in den sogenannten Leitlinien auf, die den Charakter einer Handlungsempfehlung für Ärzte und andere Teile des Gesundheitswesens haben. In Deutschland werden medizinische Leitlinien in erster Linie von der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), von der ärztlichen Selbstverwaltung (Bundesärztekammer [BÄK] und Kassenärztliche Bundesvereinigung [KBV] beziehungsweise Bundeszahnärztekammer [BZÄK] und Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung [KZBV]) oder von Berufsverbänden entwickelt und verbreitet. Normalerweise sollte zumindest der größte Teil des jeweiligen Gremiums, die eine Leitlinie beschließen, nicht zum Forschungsteam gehören, in der Praxis ist das oft nicht zu bewerkstelligen, denn auch diese Arbeitszeit der Ärzte muss ja bezahlt werden. Und worauf sollen sich Ärzte bei der Entscheidung für eine Richtlinie stützen, wenn nicht auf die vorgelegten Forschungsergebnisse, die natürlich im Sinne des Herstellers sind.

Dass nun diese Leitlinien rechtlich nicht bindend sind, ist nur eine Sache, denn man will den Arzt ja nicht in der Wahl seiner Therapien einschränken. Interessant wird es, wenn der Arzt nun eine Therapie wählt, die nicht von der Leitlinie erfasst ist, und der Erfolg ausbleibt oder es gar zum Schaden für den Patienten kommt. Dann muss der Arzt im Zweifelsfall schon gut begründen, warum er gegen die Leitlinie gehandelt hat. Also ist der Arzt schon ein wenig unfrei in seiner Entscheidung, denn wählt er den Weg der Leitlinie und es funktioniert nicht, passiert ihm nichts, anders herum schon.

Neben der Arbeit mit den Leitlinien gibt sich die Pharmaindustrie natürlich auch so noch einige Mühe, ihre Produkte zu vermarkten. Da die Werbung für Heilmittel stark begrenzt ist und für rezeptpflichtige Mittel gar ganz verboten ist, müssen natürlich andere Wege her, zumal die Zielgruppe ja auch hier die verschreibenden Ärzte und nicht die Patienten selbst sind. Natürlich richten die Unternehmen gerne Fortbildungen aus, teilweise an landschaftlich schön gelegenen Orten mit sehr viel Freizeit. Oder aber man bietet dem Arzt an, doch Rückmeldungen über Nebenwirkungen zu geben und da werden mal eben schnell für solche Projekte auch größere Summen als Aufwandsentschädigung gezahlt, damit der Arzt eine Strichliste mit Nebenwirkungen führt. Je aktiver der Arzt das Mittel dann verschreibt, desto besser ist es dann ja und desto wertvoller wird seine Liste. Und dass die Pharmavertreter oft mit Päckchen die Praxis betreten und ohne wieder herauskommen, kann man besonders zu den Feiertagen immer mal sehen. Nicht umsonst verdienen erfolgreiche Pharmavertreter sehr gutes Geld. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

Dass teilweise in den Krankenhäusern auch noch unnötig viele Untersuchungen durchgeführt werden, nur um zusätzliche Einrichtungen rechtfertigen zu können, kann man da nur nebenbei bemerken. Letztens noch habe ich in einem Fachforum gelesen, dass ein junger Arzt sich darüber beklagte, dass in seinem Krankenhaus unnötig viele Herzkatheter Untersuchungen durchgeführt würden, nur, weil der Chefarzt ein drittes Herzlabor haben wollte.

Als Fazit kann man festhalten, dass es durchweg auch mal Sinn macht, das, was mit einem als Patient geschieht, kritisch zu hinterfragen. Denn wir dürfen nicht vergessen, dass Arztpraxen und Krankenhäuser Wirtschaftsbetriebe sind, wobei es speziell die Hausarztpraxis finanziell nicht leicht hat, denn die Kassen zahlen nicht viel pro Patient. Man munkelt so, dass der Arzt pro Kassenpatient nur 7 Minuten Zeit abrechnen kann, so das auch hier kaum Zeit ist, dem Patienten vernünftig zuzuhören und auch die richtigen Fragen zu stellen.

Diese Tatsache, dass der Patient kaum gehört wird und nicht nachgefragt wird, prangerte schon Dr. Bernhard Lawn, der Erfinder des Gleichstromdefibrillators, in seinem Buch „Die verlorene Kunst des Heilens“ an.

Dort wo früher noch der Hausarzt auf den Patienten eingegangen ist, haben wir heute oft eine schnelle Überweisung an Spezialisten, die dann teilweise kostenaufwendige Untersuchungen durchführen, dabei aber den Patienten als Ganzes nicht mehr erfassen können.

Es ist nur meine Ansicht, ich könnte aber auch recht haben
(aus dem Buch: "Es reicht - wir machen nicht mehr mit", Bernd Neuhaus)