Die Stimme des Seelenarztes

theroad
Natur und Übernatur

Eine gute Lehre zur Gesunderhaltung bietet zweifellos die Naturheilkunde. Sie zeigt den Menschen als ein Geschöpf der Natur, aufgebaut aus den Elementen der Erde,
d.h. aus Mineralsalzen, Wasser, Luft und Sonne, und lebenslänglich abhängig von dieser Mutter Erde und ihren Produkten. Sie fordert von denjenigen, denen ihre Gesundheit lieb ist‚
die Rückkehr und innige Verbindung mit dieser Natur und lehrt den systematischen Gebrauch der natürlichen Heilfaktoren Licht, Luft, Wasser, Erde, Diät, Ruhe und Bewegung.

Das fortschreitende Leben macht jedoch die Anwendung dieser Heilfaktoren immer schwieriger, wenn nicht ganz unmöglich. Über den Städten lagert eine Dunstschicht,
welche Licht und Luft nur kastriert zu den Bewohnern gelangen lässt. Das Leitungswasser in Stadt und Land ist durch Chlor vergiftet. Die Erdscholle wird mit Chemikalien durchsetzt,
welche auch den Nahrungsmitteln ihre reine Natur nehmen. Das moderne Erwerbsleben und die steigenden Kosten der Lebenshaltung zwingen den Menschen in eine Hetze,
die ihm viel zu wenig Ruhepausen gönnt, und statt Bewegung in freier Natur, müssen die Massen ihre Tage an Maschine und Schreibtisch gefesselt verbringen oder
auch in Auto, Kino und Kaffee. Das Rad der Technisierung des Lebens lässt sich aber nicht mehr zurückdrehen, die Lehren der „naturgemäßen Lebensweise" werden
zu schönen Theorien ohne die Möglichkeit praktischer Verwirklichung für die breiten Massen, von denen doch alle Lebensentwicklung abhängt.

Ist damit der Weg zur Gesunderhaltung endgültig verschlossen? Nein! Die Naturheilkunde irrt, wenn sie Gesundheit ausschließlich von den Elementen der äußeren Natur abhängig macht.
Der Mensch ist ein Bewohner zweier Welten; in ihn herein ragt eine Über-Natur, die für Leben und Gesundheit eine ungleich größere Bedeutung hat als die "Natur" und
deren wir uns gerade jetzt stärker bewusst werden müssen, wo ein unerbittlicher Zivilisationsprozess uns den Elementen der Natur immer mehr entfremdet.

Dieser Prozess entwertet die natürlichen Heilfaktoren Licht, Luft, Wasser, Erde und Nahrung immer und macht sie höchstens noch in Sanatorien zugänglich. Eine „Rückkehr“ zu
dieser verfälschten Natur wäre töricht. Die Entwicklung zwingt uns unerbittlich zu der Lösung: "Vorwärts zur Übernatur!“ D.h. zur Besinnung auf unseren geistig-seelischen Wesensteil
und Unterordnung unter 
dessen Gesetze, deren oberstes die Liebe ist.

Wir brauchen eine Übernaturheilkunde mit den Heilfaktoren Glaube, Liebe, Hoffnung: die Kraft des Glaubens, der uns in unsere geistige Welt erhebt; das Licht der Liebe,
welches durch unser Denken und Handeln in die Umwelt ausstrahlt und allein die Menschen vereinen kann; die Freude der Hoffnung, welche alles Geschehen positiv betrachtet
und auch in Leid und Not einen tiefen Sinn zu erkennen vermag. Eine zeitgemäße Gesundheitspflege verlangt von uns eine Überwindung der "Natur" durch unsere geistige Übernatur.

Mai 1950 
Dr. med. homöop. Heinrich Will (1891 – 1971)