Involution (Herabstieg) der Medizin

Heilkunde

Die Heilkunde ist älter als alle Religionen, denn das Bedürfnis anderen zu helfen, die Liebe, steht am Anfang aller Dinge. Ehe die Priester und Medizinmänner das Heilen kranker Menschen übernahmen, mag es eine Art geistiger Volksheilkunde gegeben haben, wo jeder den anderen allein durch die Kraft der Liebe half. Dann kam die Zeit der Religionen, wo der Priester zugleich Arzt war. Krankheit war das Werk außerkörperlicher Dämonen und magische Anwendungen, Beschwörungen, Rituale waren die Heilmittel. Wir haben Zeichnungen aus der Steinzeit, auf welchen solche magischen Handlungen dargestellt sind, und aus Skelettfunden aus jener Zeit wissen wir, dass Knochen- und Schädelbrüche dadurch geheilt wurden.
Das war vor 10 – 20000 Jahren.

Aus dieser Zeit der Babylonier (2-3000 vor Chr.) überliefern uns die Keilschriften eine schon weit fortgeschrittene priesterliche Heilkunde mit Heilpflanzen, Kaltwasserkuren und Diätvorschriften. Erst in der Griechenzeit, etwa ab 600 v. Chr. Entstand die wissenschaftliche Heilkunde und das Arzttum als gesonderter Beruf.
Hippokrates (um 400 v. Chr.) wurde der „Vater der Heilkunde“, er befreite sie von priesterlichen und philosophischen Spekulationen, führte die nüchterne Naturbetrachtung ein und
begann sie damit vom Geistigen zu lösen und in die Materie hineinzuführen.

Der Römer Galen (um 150 n. Chr.) und die arabischen Ärzte (um 1000) überlieferten das griechische Heilwissen und bauten es weiter aus. Dieser Abstieg in die Materie unter Verlust des Geistig-Seelischen ging weiter bis in die naturwissenschaftliche Medizin unserer Zeit, wo sie den tiefsten Punkt der Kurve erreichte. Um 1500 zweigte sich von dieser Entwicklung erstmalig eine Richtung ab, die, ohne das Naturwissen zu vernachlässigen, wieder zum Seelisch-Geistigen hinfand: Paracelsus erkennt unter seinen 5 Kankheitsursachen das „ens deale“, das Schicksal, den direkten Eingriff göttlicher Macht an, verlangt vom Arzt vor allem „Gesinnung“, also Liebe.

Von ihm ausgehend entdeckt Mesmer den Heilmagnetismus, die Übertragung der Lebenskraft. Hahnemann stößt mit der Homöopathie weit ins Geistige vor, und der Anthroposoph Steiner bringt umfassende geisteswissenschaftliche Erklärungen der Wesensglieder des Menschen und des Hineinwachsens der Krankheiten aus dem Geistigen in Körperliche, welche von dem Grazer Philosophen Otto Jul. Hartmann in neuester Zeit in großartiger Weise wissenschaftlich unterbaut werden. Die Wiederanknüpfung der Medizin an das Seelisch-Geistige ist also längst eingeleitet. Dass sie nun von dem höchsten medizinischen Gremium ostentativ vollzogen wurde, ist eine entscheidende Tat für die Heilkunde und die Volksgesundheit, welche die größte Achtung und Dankbarkeit verdient. Die Evolution der Medizin hat begonnen.

Revolution der Medizin

Dies musste vorausgeschickt werden, um verständlich zu machen, was auf dem kürzlichen 55. Internistenkongress geschehen ist. Diese repräsentative Körperschaft der deutschen Medizin hat sich zur „Psychosomatik“ bekannt, d.h. zu der Lehre, dass die Krankheiten keine rein körperlichen Vorgänge sind, sondern ein geistig-seelisches Geschehen, das im Körper lediglich seine Regulation und Ausscheidung erfährt.

Wenn eine Autorität wie Prof. von Bermann-München ausspricht, dass keine Krankheit vorstellbar sei ohne eine seelische Komponente, so beduetet dies nichts anderes, als dass die Heilkunde vor einer Umwälzung steht, wie sie sie noch nie erlebt hat: eine Revolution hin zur Evolutuion.

Nun beginnt der geistig-seelische Teil der Krankheiten in den Vordergrund zu rücken, die materialistisch-bakteriologische Ära der Medizin, die zu der oft erwähnten „Krise der Medizin“ geführt hat, geht ihrem Ende entgegen, ohne dass man deshalb ihre wertvollen Spitzenergebnisse verwerfen wird.

Der kranke Mensch darf hoffen, dass er immer mehr als ganzer, als leiblich-seelisch-geistiger Mensch gewürdigt wird und dass er Ärzte findet, die nicht nur verschreiben und operieren, sondern auch seelische Kräfte spenden und einen geistigen Halt vermitteln. Die Krankheit, die wir heute als einen Feind betrachten, erhält einen tiefen Sinn, der uns mit ihr versöhnen und sie als Freund betrachten lassen könnte. Sie erscheint als Heilmittel einer durch geistige Fehler verursachten Seelen-Disharmonie, die im Leibe zu giftiger Materie geworden ist und durch das Krankheitsgeschehen unschädlich gemacht wird. Zur köperlichen Heilkunst tritt die seelisch-geistige hinzu, um nicht nur eine Reparatur, sondern eine wirkliche Heilung des ganzen Menschen zu erzielen, welche ihm das Gleichgewicht von Leib, Seele und Geist, den inneren Frieden zurückgibt.

Von noch größerer Wirkung wird diese medizinische Umwälzung für den Gesunden sein. Wenn die Krankheiten geistig-seelisch-leibliche Prozesse sind, und wenn immer mehr herausgearbeitet wird, welche Bedeutung ein harmonisches Seelenleben und ein geistiger Rückhalt für die Gesunderhaltung des Körpers hat, dann besteht die Möglichkeit einer wirkungsvollen und umfassenden Vorbeugung aller Krankheiten durch eine großzügige und tiefgründige Volksaufklärung über das Wesen des Menschen und die richtige Pflege seiner drei Wesensglieder Geist, Seele und Leib, wobei die ersteren den Vorrang haben müssen.

Dann wird es bald heißen: Ärzte vor die Front! Ergänzt und vertieft die Arbeit der Seelsorger am Menschen, werdet Priesterärzte! Führt die Evolution bis zu den Ausgängen alles Heilens, dem alten Priesterärztetum, zurück, nun aber „wissend“, bereichert um die Kenntnisse der Naturwissenschaften und um die Erfahrungen der schrecklichsten Phasen des irdischen Lebens!

Dr. med. homöop. Heinrich Will (1891-1971), geschrieben 1949